An digitalen Medien führt kein Weg vorbei

In jeder Stadt oder Kommune gibt es Beratungsstellen für die Belange von Geflüchteten, deren Qualität und Mehrwert außer Frage steht. Das Problem ist ein anderes: sie erreichen ihre Zielgruppe häufig nicht, weil fast niemand sie kennt und noch seltener sind sie erste Anlaufstelle.

Wie sollte Flüchtlingsberatung aufgestellt sein?

Auf welche Kanälen sollte Flüchtlingsberatung aufgestellt sein, um möglichst viele Geflüchtete zu erreichen und nachhaltig zu sein? Studien zur Informationsbeschaffung unter Geflüchteten legen nahe, dass es dafür an digitalen Medien keinen Weg vorbei gibt.

Digitale Medien werden vor und nach der Flucht genutzt

Denn schon während der Flucht spielen digitale Medien eine entscheidende Rolle. Über diese tauschen sie sich mit anderen Geflüchteten aus und erhalten dadurch Informationen, die für eine erfolgreiche Flucht entscheidend sind.

Weiterhin belegt eine Studie, dass es für Neuankommende nahe liegt, die bewährte Strategie der Informationsbeschaffung auch im Zielland weiter zu verfolgen. Verstärkt wird dies noch dadurch, dass besonder Wert darauf gelegt wird, persönlichen Austausch mit Personen in der gleichen Lage zu haben. Aufgrund negativer Erfahrungen in anderen Ländern sind viele misstrauisch gegenüber staatlichen Institutionen.

Gefahren von sozialen Netzwerken

Somit findet die der Austausch von Informationen unter Geflüchteten am häufigsten auf sozialen Netzwerken wie Whatsapp oder Facebook statt. Das hat einige Vorteile wie z.B. die niedrigen Einstiegsbarrieren und hohe Reichweite, aber auch einige gravierende Nachteile.

Vor allem auf Facebook liegt die große Schwierigkeit darin, die Qualität der Antworten zu beurteilen, da es keine Möglichkeit gibt diese z.B. ihrer Richtigkeit nach zu ordnen oder Antworten von Experten besonders hervorzuheben. Auch das Löschen falscher Antworten ist nicht so ohne weiteres möglich. Um ihre Informationen trotzdem auf Richtigkeit zu prüfen, nutzen Geflüchtete die sogenannte Schwarmintelligenz, indem sie ihre Fragen in mehreren Facebook-Gruppen stellen und die Antworten vergleichen. Eine Strategie, die im Allgemeinen funktionieren sollte, aber im Einzelfall zu katastrophalen Fehlentscheidungen oder Verwirrung führen kann. Ein weiteres Problem ist die Konservierung von richtigen Antworten auf Facebook, da diese im Zeitverlauf immer weiter „nach unten rutschen“ und keine geeignete Suchfunktion vorhanden ist. Somit gehen wichtige Informationen ganz natürlich verloren, ohne das dies zu verhindern wäre. Ein letzter, aber fast noch wichtigerer Punkt, ist die nicht gegebene Anonymität auf Facebook, die die Geflüchteten angreifbar für Betrugsmaschen macht.

Vorteile von digitalen Medien

Zunächst ist festzuhalten, dass soziale Netzwerke, wie Facebook nicht als Plattform für Beratung geeignet sind. Jedoch halten diese ein immenses Potenzial um Geflüchtete zu erreichen. Gemeinsames Ziel von Beratungsangeboten muss es demnach sein einen Weg zu finden Geflüchtete zu erreichen, ohne dass diese ihr Verhalten von Grund auf ändern. Dafür würden sich digitale Beratungsplattformen eignen, von denen es bis jetzt jedoch nur wenige gibt. Sie nutzen verifizierte Stellen für die Beratung und machen diese transparent kenntlich. Außerdem entsprechen sie dem Nutzerverhalten der Zielgruppe, sammeln keine Daten und schaffen dadurch einen sicheren Raum abseits der örtlichen Berarungsstellen. Die naheliegende Strategie sollte es daher sein, Geflüchtete in den sozialen Netzwerken abzuholen und zu den lokalen oder digitalen Beratungsstellen zu führen.

Wefugees als Fallbeispiel

Wefugees ist hierfür ein gutes Beispiel: durch die freie Auswahl eines Benutzernamens ist die Anonymität aller NutzerInnen gewährleistet. Weiterhin gibt es verifizierte ExpertInnen auf der Plattform und eine community-driven Qualitätssicherung durch die Möglichkeit Antworten up oder down zu voten. Entscheidend ist außerdem, dass wichtige Informationen nicht verloren gehen. Somit ist Wefugees eine Möglichkeit, sich digitale Medien zunutze zu machen, ohne inhaltlich auf soziale Netzwerke zurückgreifen zu müssen.

Marcel Kappes

 

Quellen:

Betterplace Lab (2017) Digitale Wege zur Integration: Wie innovative Ansätze derZivilgesellschaft Geflüchtete in Deutschland unterstützen, Berlin.

Clarat (2017a) Bedürfnisse von Flüchtlingen in Deutschland: Welche Bedürfnisse haben Flüchtlinge?

Clarat (2017b) Bedarfsanalyse Flüchtlinge in Deutschland: Facebooksurvey zu Themenwünschen.

IAB-BAMF-SOEP (ed.) (2016) IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse, Stand: Dezember 2016. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg.

ifpuk (2016) Flucht 2.0: Mediennutzung durch Flüchtlinge vor, während und nach der Flucht, Berlin.

Media in Cooperation & Transition (2016) Information to go: Wie informieren sich syrische und irakische Flüchtlinge vor, während und nach ihrer Flucht nach Deutschland?, Berlin.

NiB (2017) Projekt „Neu in Berlin“: Aufsuchende Informations- und Beratungsarbeit fürNeuzugewanderte in Berlin, Berlin.

Oprisor, A. & Hammerschmid, G. (2016) Refugees in Berlin 2015/16: Perceptions of basic public service delivery, Berlin

 

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