Von der Ungeduld die Welt etwas besser zu machen

 

Wenn jede Generation ihren eigenen Jobwunsch hätte, so würde meine mit ziemlicher Sicherheit gerne “WeltverbessererInnen” werden. Das ist natürlich wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass meine Generation die erste war, die durch Internet und soziale Medien dazu befähigt wurde, sich bereits im Jugendalter ohne große Mühen kritisch mit dem Weltgeschehen auseinander zu setzen und ein Gefühl der globalen (Mit-) Verantwortung zu entwickeln. Dadurch sind aber die Anreize, die einen Job für meine Generation attraktiv machen, teilweise völlig andere als noch für vorangegangene. Ein “weiter so” in traditionellen Berufen ist für viele, die momentan kurz vor dem Berufseinstieg stehen, einfach keine Option mehr.

Den Berufsweg gleich mit dem richtigen Schritt beginnen, gar nicht erst Gefahr laufen sich verführen zu lassen von Prämien, Privilegien und hohen Gehältern, das ist die Motivation vieler, ein eigenes soziales Projekt zu starten. Wie oft ich selbst bereits über Ideen für soziale Projekte gebrainstormt habe, kann ich schon gar nicht mehr aufzählen; etwas Brauchbares ist dabei jedenfalls noch nicht herausgekommen. Ich erinnere mich noch gut an die leise Panik, die mich immer dann ergriff, wenn mir bewusst wurde, dass das Ende meines Studiums immer näher rückt und die gierigen Fangarme der “bösen” Großkonzerne bereits meine Knöchel streifen, um mich in nihilistische Untiefen zu reißen.

Diese Angst verflog jedoch fast vollständig, nachdem ich ein soziales Start-Up namens Wefugees aus Berlin kennen lernen durfte. Wefugees ist eine Online Community, die den Informationsaustausch von Geflüchteten, HelferInnen und ExpertInnen vereinfacht und  bereits gewonnene Informationen konserviert. Einerseits angetan von dieser Idee war ich andererseits etwas niedergeschlagen, da ich mir sicher war, dass ich selbst nie auf diesen Einfall  gekommen wäre. Als ich jedoch von der Gründerin Cornelia Röper selbst hörte, wie die Idee Wefugees in ihrem Kopf entstanden war und wie sie dort heranreifte, wich meine Panik einer Gelassenheit, um die mich der Dalai Lama höchstselbst beneiden würde.

Seine Geburtsstunde hatte Wefugees im kalten Berliner Herbst 2015 als Cornelia Röper mit den erschütternden Ausmaßen der Flüchtlingssitutation in der deutschen Hauptstadt konfrontiert wurde. Geflüchtete harrten tagelang in eisiger Kälte vor dem LaGeSo aus, Notunterkünfte waren heillos überfüllt und sowohl freiwillige Helfer als auch öffentliche Beratungsstellen überfordert und am Ende ihrer Kräfte. Die rapide gestiegene Zahl an Neuankommenden und die mangelnde Vorbereitung der öffentlichen Einrichtungen forderten gnadenlos ihren Tribut im Herzen eines der wohlhabendsten Länder der Welt. Auf einmal waren die Millionen vor Krieg, Leid und Hunger flüchtigen Menschen nicht mehr nur eine tragische Meldung in den Nachrichten, ihr Schicksal nicht mehr nur ein abstraktes Sinnbild für die Ungerechtigkeit einer von Menschen geschaffenen Wirklichkeit, sondern eine konkrete nicht von der Hand zu weisende Tatsache, die eben noch so leicht zu verdrängenden Bilder aus dem Fernseher unausweichliche Realität geworden.

Zu diesem Zeitpunkt weckte diese bittere Erkenntnis in Cornelia Röper den unbedingten Drang, etwas tun zu müssen. Wie viele andere, die den gleichen Willen zur Tat verspüren, wurde sie jedoch mit der Unmöglichkeit der Vereinbarkeit eines Vollzeitjobs und des gleichzeitigen freiwilligen Engagements in beispielsweise einer Notunterkunft konfrontiert. Doch jemand wie Cornelia akzeptiert so etwas nicht! Sie erkundigte sich bei Flüchtlingen, freiwilligen HelferInnen und Hilfsorganisationen, womit sie ihnen helfen könne. Schnell kristallisierten sich dabei die Schwierigkeiten der Informationsbeschaffung und – konservierung heraus und einige bald darauf folgende Selbstversuche zeigten Cornelia Röper, wie schwer es selbst für Einheimische war an notwendige Informationen zu kommen. Wie schwer musste es dann erst für Menschen mit Sprachbarriere sein?

Bald sah sie die Schnittmenge des Problems mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen im Umgang mit Online Communities, die sie bei verschiedenen Unternehmen und auch ihrem damaligen Arbeitgeber Enabee GmbH gesammelt hatte. Letztere zeigten sich auch begeistert von Cornelias Idee und stellten ihr Software und Räumlichkeiten zu verfügen. Somit stand dem Projekt Wefugees nichts mehr im Weg und bereits nach zwei Monaten verzeichnete Wefugees insgesamt 1.100 registrierte User und 18.000 Besucher.

Von ihrem eigenen Impact überrascht stellte Cornelia Röper bald fest, dass Wefugees mehr war als nur ein Nebenprojekt und entschloss sich schließlich im April 2016 ihren Job bei Enabee GmbH zu kündigen, alles auf eine Karte zu setzen und sich fortan komplett ihrem Projekt zu widmen. Bereits im Sommer desselben Jahres gründete sie gemeinsam mit Henriette Schmidt als Partnerin, die bereits im Februar 2016 zu ihrem Team gestoßen war, die Wefugees gUG.

Seitdem wächst das Unternehmen weiter, aber dass gerade dieser Teil der Gründungsgeschichte wie ein Sedativum auf mich wirkte, hatte zweierlei Gründe. Zunächst war ich erleichtert zu sehen, dass es durchaus möglich ist, sich von einem Job zu lösen, wenn sich die “richtige Idee” erst einmal offenbart hatte. So fest umschlingen einen die Tentakeln der Konzerne vielleicht gar nicht. Das Wichtigste aber war die Erkenntnis, dass Cornelia Röper vermutlich selbst nie auf die Idee gekommen wäre, eine Online Community für Flüchtlinge zu gründen, wenn sie sich nicht vorher bereits beruflich mit solchen auseinandergesetzt hätte. Sie hat Wefugees also nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Jobs gründen können.

Die Wahrheit ist: die guten Ideen für soziale Projekte entstehen nicht beim bedeutungsschwangeren Nachdenken über das Weltverbessern, sondern aus dem gewöhnlichen, routinierten Berufsalltag heraus. Der Grund dafür ist simpel: Kreativität ist eine Art der Intelligenz, die man nicht erzwingen kann. Man kann nicht sagen “Ich will jetzt kreativ sein.” Es geschieht von selbst oder gar nicht. Was man jedoch tun kann, ist der eigenen Kreativität einen gesunden Nährboden zu geben durch Erfahrungen, Sichtweisen, Fähigkeiten.

Angesichts dessen ist es wenig verwunderlich, dass die zündende Idee bei vielen Studierenden wie mir bislang ausblieb, da unsere Kreativität noch vergeblich versucht Setzlinge auf ungedüngten Feldern zu pflanzen. Es wird schlichtweg darauf ankommen den Boden mit Hilfe beruflicher Erfahrung reichhaltiger zu machen über die Jahre und die Augen für die Setzlinge der eigenen Kreativität offen zu halten. Dann beginnt die Idee für das eigene soziale Projekt vermutlich früher zu wachsen als man denkt.

Kleine Vorstellung des Autors:

Marcel Kappes, 24 Jahre, studiert Soziologie an der Universität Mannheim und war im Januar 2017 Praktikant bei Wefugees.

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